Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab erstem Tag – Die Folgen
Nehmen wir an, der Gesetzgeber verlangt, dass die Mitarbeiter ab dem ersten Tag eine AU-Bescheinigung vorlegen müssen. Dann stehen dem alle kollektiv- und individualarbeitsrechtlichen Vereinbarungen entgegen. Schreibt also beispielsweise der Tarifvertrag fest, dass erst ab dem vierten Arbeitstag eine AU-Bescheinigung vorzulegen ist, so gilt meist diese Regel. Dies gilt auch für Regelungen im individuellen Arbeitsvertrag oder in Betriebsvereinbarungen. Das bedeutet, dass die Absicht der Bundesregierung hier weitgehend ins Leere läuft.
Wenn ein unmotivierter Mitarbeiter aber nun am ersten Tag zum Arzt muss, um sich für diesen oder für zwei Tage krankschreiben zu lassen, dürfen wir davon ausgehen, dass er sich gleich für die ganze Woche krankschreiben lässt. Das bedeutet, dass die Krankenquote steigt. Auch das ist eine Motivationsfrage.
Präsentismus
Nehmen wir an, wir haben es mit einem hochmotivierten Mitarbeiter zu tun, der nun wirklich am Wochenende mit 39 Grad Fieber im Bett gelegen hat und am Montag noch nicht wirklich fit ist. Er wird sich zur Arbeit schleppen – weil er motiviert ist und weil er sonst Entgeltverlust hinnehmen muss. Damit gefährdet er sich selbst und im Übrigen auch die Kolleginnen und Kollegen. Langfristig kann das auch dazu führen, dass seine Motivation schwindet, er zu einem anderen Arbeitgeber wechselt oder in die innere Kündigung geht.
Wem nutzt die AU-Bescheinigung ab erstem Tag?
Warum wird das Thema überhaupt diskutiert? Ich sehe inzwischen immer deutlicher eine kollektive Führungsschwäche. Unternehmen schaffen es selbst nicht, attraktive Arbeitsplätze zu schaffen, ein konstruktives Miteinander zu etablieren und Mitarbeitende zu motivieren. Ich erlebe Führungskräfte, die nicht führen, nicht weil sie das nicht wollen, sondern weil sie es nicht können (es gibt keine Ausbildung für Führung) und weil die Unternehmen ihnen dazu auch kaum Raum geben. Deshalb freuen sich jetzt (fast) alle, dass die Bundesregierung als großer Retter auftritt und eine strengere Regel erlässt. Das mag die Gemüter beruhigen und möglicherweise Wahlstimmanteile bringen – lösen wird es das Problem nicht, eher verschärfen.
Was würde wirklich helfen?
SIE können wirklich helfen. Sobald Sie die (notfalls alleinige) Verantwortung für die Krankenquote in Ihrem Team übernehmen, wird sich etwas ändern. Was dazu notwendig ist, ist im Modell der Neurologischen Führung hinlänglich bekannt. Und was vor allem notwendig ist, dass Sie in Führung gehen.
Geben Sie sich nicht mehr mit Durchschnitt zufrieden. Fragen Sie, wie Sie die Krankenquote senken können. Führen Sie konsequent und begegnen Sie dem Missbrauch konsequent. Treiben Sie notfalls die Personalabteilung vor sich her, damit weitere, auch arbeitsrechtliche, Maßnahmen ergriffen werden. Dulden Sie in Ihrem Team keine Mitarbeiter, die die Gutmütigkeit des Unternehmens oder der Gesellschaft ausnutzen.