Sie müssen nicht aufhören, Experte zu sein
Natürlich wäre es unsinnig, mit der Beförderung das eigene Fachwissen an der Garderobe abzugeben. Gerade im unteren und mittleren Management kann fachliche Kompetenz weiterhin wichtig sein. Die entscheidende Frage ist eine andere:
Wann hilft Ihre Expertise – und wann verhindert sie die Entwicklung anderer?
Das ist erheblich schwieriger zu beantworten. Denn manchmal müssen Sie eingreifen. Manchmal braucht ein Mitarbeiter tatsächlich Ihre Erfahrung. Manchmal steht so viel auf dem Spiel, dass Sie eine Entscheidung selbst treffen müssen. – Aber vielleicht viel seltener, als Sie glauben.
Gerade sehr kompetenten Führungskräften fällt es schwer, eine Lösung nicht auszusprechen, wenn sie diese längst sehen. Es dauert schließlich nur zwei Minuten.
Die unmittelbare Lösung ist effizient. – Aber ist sie auch wirksam?
Vielleicht müssen Sie etwas verlernen
Der Rollenwechsel zur Führungskraft verlangt deshalb nicht nur Lernen, sondern auch Verlernen.
Nicht jedes Problem selbst lösen, nicht jede Antwort geben, nicht jeden Fehler verhindern., nicht beweisen, dass man fachlich noch immer der Beste im Raum ist.
Das kann unangenehm sein. Denn plötzlich entsteht die eigene Bedeutung nicht mehr daraus, selbst etwas besonders gut zu können. Sie entsteht zunehmend daraus, andere wachsen zu lassen.
Vielleicht besteht Ihre wichtigste Entwicklung als Führungskraft irgendwann darin, nicht mehr zeigen zu müssen, was Sie selbst alles können, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen andere zeigen können, was in ihnen steckt.
Haben Sie sich für Führung entschieden?
Damit kommen wir zu einer Frage, die aus meiner Sicht viel zu selten gestellt wird.
Viele Menschen werden Führungskraft, weil jemand anderes diese Entscheidung getroffen hat. Der Vorgesetzte hält sie für geeignet. HR sieht Potenzial. Eine Position wird frei. Das Gehalt steigt. Der nächste Karriereschritt steht an.
Aber haben Sie selbst sich wirklich für Führung entschieden? Nicht für die Position, nicht für das größere Büro, den nächsten Karriereschritt oder das höhere Gehalt? – Für Führung.
Für eine Aufgabe, bei der Ihre eigene Leistung zunehmend darin besteht, andere leistungsstark zu machen. Bei der Sie Verantwortung übertragen müssen, obwohl Sie selbst das Problem wahrscheinlich schneller lösen könnten. Bei der Sie Menschen zutrauen müssen, eigene Wege zu gehen. Und bei der Sie manchmal danebenstehen und aushalten müssen, dass jemand etwas anders macht, als Sie es tun würden.
Führung ist eine Entscheidung. Und vielleicht muss diese Entscheidung nach einer Beförderung erst noch einmal getroffen werden.
Was wird durch Ihre Führung möglich?
Eine Arbeitswelt voller Inspiration entsteht nicht dadurch, dass Führungskräfte alles im Griff haben. Sie entsteht dort, wo Menschen erleben, dass ihnen etwas zugetraut wird. Wo sie Verantwortung übernehmen können, ihre Fähigkeiten einsetzen, Fehler machen, Probleme lösen und schließlich Dinge können, die ihnen vielleicht vorher niemand zugetraut hätte.
Dafür braucht es Führungskräfte, aber vielleicht andere, als wir lange gedacht haben.
Deshalb lohnt sich eine Frage: Was tun Sie heute noch selbst, weil Sie besonders gut darin sind und obwohl genau diese Aufgabe für einen Ihrer Mitarbeitenden die Gelegenheit wäre, über sich hinauszuwachsen?