
Erwartungsmanagement – Raus aus der Opferrolle
Im Erwartungsmanagement werden oft gravierende Fehler begangen. Die Folge sind Opferhaltungen. Wie kommen Sie da heraus?
Es gibt Mitarbeitende, die übernehmen Verantwortung. Und es gibt Mitarbeitende, die warten. Sie warten auf Anweisungen, auf Entscheidungen, auf den Feierabend oder darauf, dass jemand anderes das Problem löst. Viele Führungskräfte kennen diese Situationen nur zu gut. Sie ärgern sich über fehlendes Engagement, über Dienst nach Vorschrift oder darüber, dass manche Mitarbeitende scheinbar für alles eine Ausrede finden.
Die Erklärung scheint oft einfach zu sein: Die Menschen haben sich verändert. Die junge Generation. Die Gesellschaft. Die Arbeitsmoral. Vielleicht stimmt das sogar. Aber ich möchte Ihnen eine andere Frage stellen. Eine Frage, die ich mir selbst immer wieder stellen muss:
Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Ein Mitarbeiter trifft keine Entscheidungen mehr. Vielleicht denken Sie: Er ist unsicher. Er übernimmt keine Verantwortung. Er hat keine Führungspersönlichkeit. Vielleicht denken Sie auch, dass sie diesen Mitarbeiter motivieren müssen – und möglicherweise stimmt das. Vielleicht hat dieser Mitarbeiter im Laufe der Zeit aber auch gelernt, dass jede Entscheidung kontrolliert, korrigiert oder in Frage gestellt wird. Vielleicht hat er gelernt, dass es sicherer ist, erst einmal abzuwarten.
Ein anderes Beispiel: Eine Mitarbeiterin bringt keine Ideen mehr ein. Die naheliegende Erklärung lautet: Die ist eben unmotiviert. Sie müssten diese Mitarbeiterin motivieren und vielleicht stimmt das. Aber geht das überhaupt? Und vielleicht hat sie aber auch gelernt, dass neue Ideen regelmäßig abgelehnt, zerredet oder mit Risiken verbunden werden. Auch das ist eine Form des Lernens.
Oder denken Sie an den Mitarbeiter, der nach einem kritischen Gespräch plötzlich einige Tage krank ausfällt. Viele Führungskräfte sind überzeugt: Der hält nichts aus. Vielleicht stimmt das. Möglicherweise hat das Gespräch aber auch etwas ausgelöst, das Sie niemals beabsichtigt haben. Eigentlich wollten Sie den Mitarbeiter motivieren und zum Wachstum anregen.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Wir beobachten Verhalten und entwickeln dazu eine Erklärung. Anschließend führen wir diesen Mitarbeiter auf Basis unserer Interpretation. Das Verrückte daran ist: Je sicherer wir uns mit unserer Interpretation sind, desto seltener überprüfen wir sie.
Vielleicht ist genau das einer der größten Denkfehler in der Führung. Nicht, dass wir Menschen gelegentlich falsch einschätzen, sondern dass wir unsere Einschätzung für die Wahrheit halten und nicht weiter hinterfragen. Sie klingt aber auch plausibel und wir rütteln nicht mehr daran.
Ich kenne Führungskräfte, die überzeugt sind, dass ihre Mitarbeitenden keine Verantwortung übernehmen wollen. Und ich kenne andere Teams, die dieselben Menschen als engagiert, mutig und lösungsorientiert erleben. Wie kann das sein?
Vielleicht liegt die wichtigste Führungsfrage gar nicht bei den Mitarbeitenden. Vielleicht lautet sie:
Ich kenne kaum eine unbequemere Frage. Aber ich kenne auch nur wenige Fragen, die mehr verändern können.

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