Eine kleine Geschichte
Meine Frau arbeitet unter anderem als Kindergarten- und Schulfotografin. Vor einigen Jahren brachte eine Erzieherin einen kleinen Jungen zu ihr und sagte:„Paul ist behindert. Das mit dem Schneidersitz auf dem Baumstumpf, das kann der nicht.“
Meine Frau antwortete nur: „Wir schauen mal.“ Sie sprach mit Paul, machte Späße, nahm sich Zeit und schuf eine entspannte Atmosphäre. Wenige Minuten später saß Paul im Schneidersitz vor der Kamera.
Die Erzieherin war sprachlos. Nicht, weil Paul plötzlich gesund geworden war. Sondern weil jemand ihn nicht auf seine bisherigen Grenzen reduziert hatte.
Die eigentliche Grenze
Diese Geschichte hat mich lange beschäftigt. Nicht wegen Paul, sondern wegen uns. Wie oft entscheiden wir als Führungskraft bereits im Voraus, was ein Mensch kann – und was nicht?
- „Der übernimmt keine Verantwortung.“
- „Die kann nicht präsentieren.“
- „Mit ihm brauchen wir gar nicht erst anfangen.“
- „Der will sich ohnehin nicht verändern.“
Vielleicht stimmen manche dieser Einschätzungen, vielleicht aber auch nicht. Denn jeder Mensch verhält sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich. Und genau deshalb ist Führung so anspruchsvoll.
Was wir sehen, beeinflusst unser Verhalten
Wenn ich überzeugt bin, dass ein Mitarbeiter ohnehin scheitern wird, werde ich ihn anders führen. Ich erkläre mehr, kontrolliere häufiger, ich übernehme vorsichtshalber Aufgaben selbst und traue ihm weniger zu.
Und genau dadurch erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass sich meine ursprüngliche Erwartung bestätigt. Nicht weil der Mitarbeiter unfähig ist, sondern weil mein Führungsverhalten seine Entwicklung begrenzt.
Die eigentliche Führungsfrage
Viele Führungskräfte fragen: Wie kann ich meine Mitarbeitenden entwickeln? Vielleicht beginnt die Entwicklung aber mit einer ganzanderen Frage:
Welches Bild habe ich eigentlich von meinen Mitarbeitenden?
Denn dieses Bild entscheidet darüber,
- welche Aufgaben ich übertrage,
- wie viel Verantwortung ich abgebe,
- welches Feedback ich gebe,
- wie geduldig ich bleibe
- und letztlich, welches Potenzial überhaupt sichtbar werden kann.
Führung geht heute anders
Moderne Führung bedeutet nicht, Menschen ständig zu motivieren. Sie bedeutet auch nicht, immer bessere Methoden anzuwenden. Moderne Führung beginnt oft viel früher. Sie beginnt mit der Bereitschaft, Menschen nicht auf ihre Vergangenheit zu reduzieren.
Vielleicht liegt das größte Potenzial Ihrer Mitarbeitenden gar nicht verborgen in neuen Seminaren oder besseren Prozessen. Vielleicht liegt es in der Art, wie Sie sie sehen.
Denn Menschen wachsen erstaunlich oft in das Bild hinein, das ihre Führungskraft von ihnen hat.
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
„Was wäre möglich, wenn ich aufhören würde, ihn auf das zu begrenzen, was ich bisher von ihm gesehen habe?”
Genau mit solchen Fragen beginnt moderne Führung. Und genau darum geht es im Intensivtraining „Führung geht heute anders“.