Eigenverantwortung entsteht nicht durch die Aufforderung: „Übernehmen Sie mehr Verantwortung.“ Sie entsteht durch einen klaren Handlungs- und Entscheidungsspielraum. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung beim Delegieren.
Delegieren Sie Aufgaben oder Verantwortung?
Eine Aufgabe zu delegieren bedeutet zunächst nur, Arbeit zu verteilen:
Erstellen Sie diese Präsentation. Verwenden Sie dafür unsere Vorlage, übernehmen Sie diese Zahlen und bauen Sie die Folien genauso auf wie beim letzten Mal.
Die Führungskraft bestimmt das Ergebnis und weitgehend auch den Weg dorthin. Der Mitarbeiter führt aus. Das kann notwendig sein, wenn bestimmte Abläufe, Sicherheitsbestimmungen oder Qualitätsstandards eingehalten werden müssen. Es ist aber keine Einladung zur Eigenverantwortung.
Verantwortung zu delegieren klingt anders:
Ich benötige für die Geschäftsführung eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Sie soll zeigen, wo das Projekt steht, welche Risiken bestehen und welche Entscheidung jetzt notwendig ist. Bitte entwickeln Sie dafür bis Donnerstag einen geeigneten Vorschlag.
Nun sind Zweck, gewünschtes Ergebnis und Zeitrahmen klar. Der Weg zum Ergebnis bleibt innerhalb der vereinbarten Grenzen beim Mitarbeiter.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Führungskraft ihre eigene Verantwortung abgibt. Sie bleibt verantwortlich für die Delegationsentscheidung, einen angemessenen Rahmen und die Auswahl einer geeigneten Person. Der Mitarbeiter übernimmt Verantwortung für die vereinbarte Umsetzung.
Gute Delegation schafft Klarheit darüber, wer wofür genau verantwortlich ist.
Fünf Schritte helfen dabei.
1. Ergebnis und Bedeutung klären
Am Anfang jeder Delegation steht die Frage:
Was soll am Ende erreicht sein? Was genau ist das Ergebnis?
Beschreiben Sie nicht vorschnell die Tätigkeit, sondern das gewünschte Ergebnis. Sorgen Sie dafür, dass beide Seiten darunter dasselbe verstehen.
Klären Sie insbesondere:
- Welches konkrete Ergebnis wird erwartet?
- Woran erkennen wir, dass es gut ist? Was sind die Erfolgskriterien?
- Bis wann wird es benötigt?
- Welche Priorität besitzt die Aufgabe?
- Für wen ist das Ergebnis wichtig?
- Welchen Beitrag leistet es zum größeren Ganzen? – Das Warum erklären.
Das Warum ist dabei keine motivierende Dekoration. Es liefert wichtige Informationen für selbstständige Entscheidungen. Wer den Zweck einer Aufgabe nicht kennt, kann bei unerwarteten Schwierigkeiten nur den vorgegebenen Prozess fortsetzen oder beim Vorgesetzten nachfragen. Wer das Ziel und seine Bedeutung verstanden hat, kann nach einer passenden Alternative suchen.
Erfolgreiches Delegieren beginnt deshalb nicht mit einer ausführlichen Arbeitsanweisung, sondern mit einem gemeinsamen Verständnis des Ergebnisses.
2. Handlungs- und Entscheidungsspielraum klären
„Machen Sie das selbstständig“ ist keine ausreichende Beschreibung eines Handlungsspielraums. Mitarbeitende müssen wissen, was sie eigenständig entscheiden dürfen und an welchen Stellen eine Abstimmung erforderlich ist.
Klären Sie deshalb:
- Welche Entscheidungen darf der Mitarbeiter selbst treffen?
- Welche Qualitäts- und Sicherheitsstandards gelten?
- Welche Personen oder Bereiche müssen einbezogen werden?
- Wo liegen finanzielle oder rechtliche Grenzen?
- Welche Veränderungen müssen abgestimmt werden?
- Unter welchen Bedingungen ist eine Freigabe erforderlich?
So viel Freiheit wie möglich und so viel Orientierung wie nötig: Das klingt einfach, muss aber für jede Aufgabe neu austariert werden. Zu enge Vorgaben verhindern Eigenverantwortung. Fehlende Leitplanken erzeugen dagegen Unsicherheit und vermeidbare Risiken.
Delegation bedeutet nicht, einen Mitarbeiter allein zu lassen. Sie bedeutet, ihm einen klar definierten Raum zu geben, in dem er handeln und entscheiden kann.
3. Voraussetzungen und Ressourcen sichern
Eine Aufgabe ist nicht erfolgreich delegiert, nur weil ein Mitarbeiter sie angenommen hat. Prüfen Sie gemeinsam, ob die notwendigen Voraussetzungen vorhanden sind:
- Verfügt der Mitarbeiter über das erforderliche Wissen?
- Hat er bereits vergleichbare Aufgaben bearbeitet?
- Besitzt er die notwendige Zeit und Kapazität?
- Liegen alle relevanten Informationen vor?
- Stehen Budget, Arbeitsmittel und Ansprechpartner zur Verfügung?
- Welche Unterstützung könnte erforderlich werden?
Reifegrad des Mitarbeiters: Wie viel Führung braucht die Aufgabe?
In Modellen des situativen Führens wird häufig vom „Reifegrad des Mitarbeiters“ gesprochen. Der Begriff kann missverstanden werden. Es geht nicht darum, einen Menschen insgesamt als reif oder unreif einzustufen. Entscheidend ist seine aufgabenbezogene Kompetenz und Sicherheit.
Eine erfahrene Mitarbeiterin kann eine vertraute Aufgabe weitgehend selbstständig übernehmen und bei einer neuen Aufgabe trotzdem intensive Orientierung benötigen. Ein Berufseinsteiger kann in einem Spezialgebiet bereits über mehr Fachwissen verfügen als seine Führungskraft.
Fragen Sie deshalb: Welche Erfahrung, Kompetenz und Sicherheit besitzt dieser Mitarbeiter bei genau dieser Aufgabe? Davon hängt ab, wie weit der Handlungsspielraum sein kann und wie eng die Begleitung zunächst gestaltet werden sollte.
4. Rückmeldung und Eskalation vereinbaren
Delegation kennt zwei problematische Extreme. Beim ersten kontrolliert die Führungskraft jeden Schritt. Der Mitarbeiter muss ständig berichten und erlebt keinen eigenen Gestaltungsspielraum. Beim zweiten übergibt die Führungskraft die Aufgabe und verschwindet. Erst am Abgabetermin stellt sie fest, dass das Ergebnis nicht den Erwartungen entspricht. Beides ist schlechte Delegation.
Vereinbaren Sie stattdessen passende Rückmeldepunkte:
- Wann betrachten wir den Fortschritt?
- Welche Zwischenergebnisse sind sinnvoll?
- Welche Informationen werden dabei benötigt?
- Bei welchen Abweichungen muss der Mitarbeiter sich melden?
- Welche Risiken erfordern eine sofortige Eskalation?
- Wie schnell ist die Führungskraft bei Fragen erreichbar?
Die Häufigkeit der Rückmeldung richtet sich nach Aufgabe, Risiko und aufgabenbezogener Erfahrung. Sie dient nicht der permanenten Kontrolle, sondern der rechtzeitigen Unterstützung.
Ein Zwischenstand sollte deshalb nicht zur nachträglichen Detailsteuerung werden. Fragen Sie zunächst:
- Wie beurteilen Sie selbst den aktuellen Stand?
- Wo sehen Sie Risiken?
- Welche Entscheidung oder Unterstützung benötigen Sie von mir?
So bleibt die Verantwortung beim Mitarbeiter.
5. Verantwortung tatsächlich übergeben
Der schwierigste Teil der Delegation beginnt nach dem Gespräch.
Nun muss die Führungskraft aushalten, dass ein anderer Mensch möglicherweise einen anderen Weg wählt. Vielleicht sieht die Präsentation anders aus. Vielleicht organisiert der Mitarbeiter die Zusammenarbeit anders. Vielleicht würde die Führungskraft selbst schneller vorgehen. Anders ist jedoch nicht automatisch schlechter.
Wenn Sie bei jeder Abweichung eingreifen, Entscheidungen zurücknehmen oder die Aufgabe wieder an sich ziehen, vermitteln Sie eine klare Botschaft: Verantwortlich bin am Ende doch nur ich.
Mitarbeitende lernen dann, lieber abzuwarten und sich abzusichern. Das schützt sie vor Kritik, verhindert aber genau die Eigenverantwortung, die Führungskräfte von ihnen erwarten.
Verantwortung zu übergeben bedeutet deshalb auch:
- vereinbarte Entscheidungsspielräume zu respektieren,
- Fehler innerhalb dieses Rahmens auszuhalten,
- Unterstützung anzubieten, ohne die Aufgabe zurückzunehmen,
- Ergebnisse anhand vereinbarter Kriterien zu beurteilen,
- und anschließend gemeinsam daraus zu lernen.
Klären Sie ebenfalls, welche tatsächlichen Folgen das Ergebnis für Kunden, Kollegen, Termine oder weitere Prozesse hat. Konsequenzen sollten nicht als Drohung formuliert werden. Mitarbeitende müssen aber verstehen, warum Verlässlichkeit wichtig ist und welche Wirkung ihr Beitrag auf andere hat.