Warum Loben nicht automatisch motiviert
Lob ist zunächst eine positive Bewertung. Jemand beurteilt das Verhalten oder die Leistung eines anderen Menschen und kommt zu dem Ergebnis: Das war gut.
In der Führung geschieht diese Bewertung meist von oben nach unten. Die Führungskraft lobt, der Mitarbeiter wird gelobt. Genau darin liegt ein mögliches Problem. Erwachsene Menschen wollen nicht wie Schüler darauf warten, dass eine Autorität ihre Leistung mit einem positiven Urteil versieht. Sie möchten mit ihrer Kompetenz, ihrem Beitrag und ihrer Verantwortung ernst genommen werden.
Ein pauschales Lob wie
„Das haben Sie gut gemacht.“
kann freundlich gemeint sein. Es lässt jedoch offen, was die Führungskraft überhaupt wahrgenommen hat:
- Was genau war gut?
- Welche Entscheidung war hilfreich?
- Welche besondere Leistung wurde erbracht?
- Welche Wirkung hatte der Beitrag?
- Hat sich die Führungskraft wirklich damit beschäftigt?
Bleiben diese Fragen unbeantwortet, besitzt das Lob wenig Substanz. Es verteilt ein positives Urteil, zeigt aber noch kein echtes Interesse.
Lob, Feedback, Anerkennung und Wertschätzung
Im Führungsalltag werden diese Begriffe häufig gleichbedeutend verwendet. Sie beschreiben jedoch unterschiedliche Dinge.
Loben bewertet eine Leistung positiv.
„Das war eine hervorragende Präsentation.“
Feedback beschreibt eine Beobachtung und ihre Wirkung.
„Sie haben die drei größten Projektrisiken gleich zu Beginn klar benannt. Dadurch konnten wir uns in der Besprechung auf die notwendigen Entscheidungen konzentrieren.“
Anerkennung würdigt den konkreten Beitrag eines Menschen.
„Dass Sie die Risiken frühzeitig transparent gemacht und gleichzeitig Lösungsvorschläge vorbereitet haben, war für das Projekt ausgesprochen wertvoll.“
Wertschätzung beschreibt eine grundsätzliche Haltung gegenüber einem Menschen.
Sie hängt nicht von einem einzelnen Ergebnis ab. Ein Mitarbeiter verliert nicht seinen Wert, weil ihm ein Fehler unterläuft oder eine Leistung einmal nicht gelingt. Wirksame Führung braucht diese Unterscheidung. Wer nur dann Interesse zeigt, wenn ein außergewöhnliches Ergebnis vorliegt, vermittelt keine Wertschätzung. Er belohnt Leistung.
Wann Loben wie Manipulieren wirkt
Lob wird problematisch, wenn es erkennbar ein bestimmtes Verhalten erzeugen soll.
Ein typisches Beispiel:
„Sie können doch immer so hervorragende Präsentationen erstellen. Könnten Sie nicht noch schnell die Unterlagen für morgen vorbereiten?“
Das vermeintliche Lob ist lediglich die Einleitung zu einer zusätzlichen Aufgabe. Der Mitarbeiter wird nicht gewürdigt, sondern mit einer positiven Aussage in eine gewünschte Richtung geschoben.
Auch andere Formen werden schnell durchschaut:
- Die Führungskraft lobt nur, wenn jemand widerspruchslos folgt.
- Das Lob fällt beiläufig und ohne echtes Interesse.
- Jeder Mitarbeiter erhält regelmäßig dieselbe Formulierung.
- Eine positive Aussage wird sofort mit Kritik relativiert.
- Anerkennung gibt es ausschließlich für Mehrarbeit.
- Das Lob erfolgt öffentlich, obwohl der Mitarbeiter ungern im Mittelpunkt steht.
Mitarbeitende erkennen meist sehr genau, ob eine Führungskraft wirklich etwas wahrgenommen hat oder lediglich eine Führungstechnik anwendet.
Bevor Sie loben, sollten Sie sich deshalb fragen: Was ist meine tatsächliche Absicht? Möchte ich einen Beitrag würdigen? Oder möchte ich das zukünftige Verhalten des Mitarbeiters steuern?
Warum pauschales Personenlob schwierig sein kann
„Sie sind ein kreativer Kopf.“
„Sie sind unser bester Problemlöser.“
„Auf Sie ist immer Verlass.“
Solche Aussagen können angenehm sein. Sie schreiben einem Menschen jedoch gleichzeitig eine feste Eigenschaft zu. Damit kann ein unausgesprochener Anspruch entstehen: Wer heute der kreative Kopf ist, muss morgen erneut ein kreativer Kopf sein und eine außergewöhnliche Idee liefern. Wer als absolut verlässlich gilt, ist es immer und darf keine Überlastung zeigen und keinen Termin gefährden. Wer der beste Problemlöser ist, soll auch das nächste schwierige Problem übernehmen.
Das positive Etikett kann so zum Druck werden, wird es einmal nicht erfüllt, versagt der Empfänger auf ganzer Linie.
Das bedeutet nicht, dass Sie niemals etwas Positives über eine Person sagen dürfen. Es ist jedoch hilfreicher, Ihre Anerkennung an einer konkreten Beobachtung festzumachen.
Statt:
„Sie sind unglaublich kreativ.“
könnten Sie sagen:
„Sie haben die beiden bisherigen Lösungsansätze miteinander verbunden und daraus einen völlig neuen Vorschlag entwickelt. Dadurch haben Sie uns aus einer festgefahrenen Diskussion herausgebracht.“
Nun muss der Mitarbeiter keine feste Identität erfüllen. Er erfährt, welches konkrete Verhalten wahrgenommen wurde und warum es wertvoll war.
Sollten Führungskräfte die Anstrengung loben?
Häufig wird empfohlen, nicht die Person, sondern ihre Anstrengung zu loben. Auch das greift zu kurz.
Anstrengung allein erzeugt noch kein gutes Ergebnis. Wer mit großem Einsatz in die falsche Richtung arbeitet, benötigt möglicherweise keine Anerkennung für noch mehr Einsatz, sondern Orientierung und Feedback.
Würdigen Sie deshalb nicht pauschal den Aufwand. Schauen Sie genauer hin:
- Welche Entscheidung war besonders hilfreich?
- Welche Strategie hat funktioniert?
- Was hat der Mitarbeiter aus einem Fehler gelernt?
- Wo hat jemand rechtzeitig Unterstützung angefordert?
- Welche Verantwortung wurde übernommen?
- Welcher Beitrag hat anderen die Arbeit erleichtert?
- Welches Ergebnis wurde dadurch möglich?
So würdigen Sie nicht bloß Fleiß, sondern wirksames und verantwortliches Handeln.