Ein gemeinsames Wir entsteht im Arbeitsalltag
Nun arbeitet dieselbe Mitarbeiterin erfolgreich an ihrem Projekt. Nebenan gerät ein Kollege in Schwierigkeiten. Ob sie ihn unterstützt, ist eine weitere Frage. Sie kann ihre eigene Aufgabe ernst nehmen und denken: „Dafür bin ich nicht zuständig. Er soll selbst sehen, wie er klar kommt.“
Hier beginnt die Führungsaufgabe, gemeinsame Verantwortung konkret zu machen:
- Welches Ergebnis wollen wir gemeinsam erreichen?
- Wo hängt unser Erfolg von der Arbeit anderer ab?
- Wie machen wir gegenseitige Unterstützung möglich und sichtbar?
- Was geschieht, wenn ein Einzelziel dem gemeinsamen Ergebnis im Weg steht?
Ein gemeinsames Wir wird glaubwürdig, wenn es Entscheidungen prägt. Beispielsweise dann, wenn im Teamgespräch neben individuellen Ergebnissen auch zählt, wer Wissen geteilt, eine Schnittstelle verbessert oder einem anderen zum Erfolg verholfen hat.
Dabei sollte Unterstützung innerhalb vereinbarter Arbeitsbedingungen möglich sein. Gemeinschaftliche Verantwortung darf nicht davon abhängen, dass engagierte Menschen dauerhaft zusätzliche Arbeit auffangen.
Was das mit Neurologischer Führung zu tun hat
In meiner Arbeit mit Neurologischer Führung richte ich den Blick auf die Bedingungen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten einbringen können. Dazu gehört, psychologische Bedürfnisse bei der Gestaltung von Führung ernst zu nehmen.
Die hier vorgestellte Untersuchung liefert dafür einen organisationspsychologischen Anknüpfungspunkt. Sie untersucht keine neuronalen Prozesse und belegt keinen bestimmten Mechanismus im Gehirn. Für die Führungspraxis schärft sie jedoch eine wichtige Unterscheidung: Selbstbestimmung und Zugehörigkeit verlangen jeweils Aufmerksamkeit.
Meine Schlussfolgerung daraus lautet: Geben Sie Menschen Raum für eigene Entscheidungen und einen gemeinsamen Bezugspunkt für ihr Handeln.
Ein solcher Bezugspunkt kann der Nutzen für Kunden sein, ein gemeinsam verantwortetes Qualitätsversprechen oder ein konkretes Problem, das nur durch Zusammenarbeit lösbar ist. Entscheidend ist, dass Mitarbeitende erkennen können, welchen Beitrag ihre Arbeit zum gemeinsamen Ergebnis leistet.
Vom Miteinander zum Füreinander
In meinem Vortrag „Unterschätzen Sie Ihre Mitarbeitenden nicht!“ formuliere ich einen Gedanken, der diese Führungsaufgabe auf den Punkt bringt:
Menschen, die miteinander arbeiten, addieren ihre Potenziale.
Menschen, die füreinander arbeiten, multiplizieren ihre Potenziale.
Das ist mein Leitgedanke für Zusammenarbeit, keine mathematische Aussage. Die Untersuchung weist eine solche Multiplikation nicht nach.
Auch ein vermuteter zusätzlicher Effekt beider Führungsformen auf das Kompetenzerleben bestätigte sich nur im Experiment, nicht in der Feldstudie. Zudem erlaubt die beobachtende Feldstudie keine eindeutigen Kausalaussagen. Wölk und Kerschreiter, 2026.
Als Führungsanspruch ist der Gedanke dennoch wertvoll: Wie gestalten wir Arbeit so, dass Menschen ihre Fähigkeiten auch für den Erfolg anderer einsetzen können?
Zwei Fragen für Ihre nächste Führungsrunde
Nehmen Sie sich zehn Minuten und beantworten Sie zunächst diese Frage:
Was tun Sie konkret, damit jeder Mitarbeitende eigenständig erfolgreich sein kann?
Denken Sie an Entscheidungsbefugnisse, Informationen, Rückmeldung und Möglichkeiten, Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
Beantworten Sie anschließend eine zweite Frage:
Was tun Sie konkret, damit Ihre Mitarbeitenden einander erfolgreich machen?
Denken Sie an gemeinsame Ziele, Wissenstransfer, gegenseitige Unterstützung und den Umgang mit konkurrierenden Prioritäten.
Prüfen Sie Ihre Antworten an beobachtbarem Verhalten. „Ich vertraue meinem Team“ ist eine Haltung. „Mein Team entscheidet innerhalb eines vereinbarten Budgets selbst über die Umsetzung“ beschreibt eine konkrete Praxis.
Wählen Sie anschließend für jede Frage eine Veränderung, die Sie in den kommenden zwei Wochen erproben. Besprechen Sie diese mit Ihrem Team:
- Wo könntet und wollt Ihr eigenständiger handeln?
- Und wo ist es leichter geworden, einander zu unterstützen?
Neurologische Führung wird im Alltag sichtbar: in dem Freiraum, den Menschen tatsächlich nutzen können, und in der Verbundenheit, die gemeinsames Handeln trägt.